Mein erstes Mal tauchen – KLUB DIALOG

Mein erstes Mal tauchen

Ich nehme das Mundstück zwischen die Zähne, schließe die Lippen und atme tief ein. Dann tauche ich mein Gesicht unter Wasser – und mache erst mal nichts. Warum halte ich die Luft an? Ich kann doch unter Wasser atmen, denke ich. Also atme ich tief ein und höre dabei dem Fauchen des Lungenautomaten zu. Ich zögere etwas und atme dann doch aus. Um mein Gesicht herum blubbert alles, Blasen steigen auf. Ich bekomme Wasser in die Nase. Hustend, prustend tauche ich wieder auf. Gar nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte: mein erster Atemzug unter Wasser.

Autorin Solveig Rixmann vor ihrem ersten Tauchgang mit Druckluftflasche. | Foto: Solveig Rixmann

Es ist Samstagnachmittag. Fünf weitere Anfänger und ich wollen ihre ersten Taucherfahrungen mit einer Druckluftflasche sammeln. Pits Tauchbasis veranstaltet hierzu einen Schnupperkurs in einem Schwimmbad im Bremer Umland. Peter Clausen, den alle nur Pit nennen, empfängt die Gruppe am Eingang. Die erste Aufgabe des Tages: das Equipment in den Vorraum tragen. Pit ermahnt uns, besonders mit den Druckluftflaschen vorsichtig umzugehen. Gemeinsam packen wir an. Flaschen, Anzüge, Westen, Flossen, Atemregeler und und und… Ganz schön viel Ausrüstung, um später schwerelos durchs Wasser zu gleiten.

Als Kind habe ich ganze Sommer mit dem Kopf unter Wasser verbracht. Mir alles angeschaut: Fische, Felsen, Algen. Doch das Vergnügen war immer nur von kurzer Dauer, begrenzt durch meine Fähigkeit, den Atem anzuhalten. Gerne wäre ich länger und tiefer getaucht. Wie ist das, wenn man einfach eintaucht, abtaucht, untertaucht? Einfach hinein gleiten kann und nicht nach ein paar Sekunden wieder zum Luftholen an die Wasseroberfläche kommen muss. Wie ist es, wenn man unter Wasser atmet und wie ein Fisch durchs Wasser gleitet? Das wollte ich nun endlich erfahren und meinen allerersten Tauchgang mit einer Druckluftflasche absolvieren.

Aber bevor es ins Becken geht, erklärt Pit uns an Land die Ausrüstung: wie welche Teile zusammengesteckt oder -geschraubt werden, wie alles funktioniert, wie wir uns beim Tauchen zu verhalten haben und worauf besonders zu achten ist, wenn man sich eine solche Ausrüstung mietet. Und dann bauen wir die Tarierweste mit der Flasche und dem Atemregler zusammen. Diese Einheit, die wir anschließend zum Beckenrand tragen, ist ganz schön schwer. 15 Kilogramm, schätze ich, sind das bestimmt.

 

Pit zeigt uns, wie wir im Wasser leicht in die Weste schlüpfen und die Luft entweichen lassen, um abzutauchen. Wir sind dicht um den Tauchlehrer versammelt, damit er uns alle im Auge behält. Pit gibt letzte Instruktionen. „Von nun an bewegt ihr nicht mehr die Arme“, sagt Pit. Zu leicht könne mit einer Armbewegung einem Mit-Taucher unbeabsichtigt ein Schlauch abgerissen werden. Er hat uns alle fest im Blick. Dann tauchen wir zum ersten Mal den Kopf unter Wasser. Es folgt mein erster missglückter Atemzug in dem Element, in dem Menschen eigentlich gar nicht atmen können.

Während die anderen schon durch das Becken gleiten, stehe ich immer noch im flachen Bereich. Pit sieht mich zögern und kommt zu mir. „Nicht denken, machen“, sagt er. Gar nicht so leicht, finde ich. Pit erklärt, dass es ein Reflex sei, wenn Wasser das Gesicht berühre nicht zu atmen. „Nicht denken, machen!“ Und Pit rät mir noch, ich solle nicht so schnell schwimmen, sondern einfach nur abtauchen. Ich versuche mich zu konzentrieren – und nicht zu denken. Dann tauche ich unter. Und es funktioniert: Ich atme ruhig ein und wieder aus, lasse mich unter Wasser treiben, gleite durch das Becken. Und drifte wieder an die Oberfläche. Mist! Ich bin unfreiwillig wieder aufgetaucht.

Flaschen, Anzüge, Westen, Flossen, Atemregeler und vieles mehr – für einen Tauchgang braucht es ganz schön viel Ausrüstung. | Foto: Solveig Rixmann

 

„Ich tauche seit meinem dritten Lebensjahr“, erzählt mir Pit. Zum Gerätetauchen kam er in seiner Jugend durch einen Freund. Der 53-Jährige hat schon viel in seinem Taucherleben erlebt: Er war unter anderem Berufstaucher, Forschungstaucher, Expeditionsleiter und war zum Beispiel einer der ersten am Wrack der „Goya“. Und er ist immer noch vom Tauchen begeistert. „Ich bin seit 30 Jahren Berufstaucher, aber ich fahre immer noch in den Urlaub zum Tauchen.“ Was ihn am Tauchen fasziniert? „Da zu sein, wo noch niemand war.“

 

Foto: Solveig Rixmann

Ich treibe weiter durch das Becken. Zschschsch, faucht die Druckluftflasche und blublubblub gurgelt das Wasser um mich herum. Die Flasche droht mich hin und wieder auf die Seite kippen zu lassen und ich bleibe einfach nicht unten. Pit winkt mich heran und hängt mir noch ein paar Bleigewichte an den Gürtel. Jetzt sinke ich sogar bis auf den Boden des Schwimmbeckens. Aber nicht lange. Tiefes Einatmen gibt Auftrieb, da dann die Lunge mit Luft gefüllt ist. Eigentlich alles logisch. Ich versuche, ruhig zu atmen und vor allem richtig auszuatmen. Und sinke wieder ab. Endlich wirklich tauchen!

Ich bewege meine Flossen ganz leicht und gleite weiter durch das Wasser. Mal an der Oberfläche, mal am Boden, mal dazwischen. Neben mir und unter mir tauchen die anderen Kursteilnehmer vorbei. Und auch wenn wir nur sechs Tauchanfänger und zwei Tauchlehrer sind, ist es doch extrem voll in diesem zehn mal 25 Meter großen Schwimmbecken. Immer ist gerade jemand vor, hinter, über oder unter einem, und ich muss höllisch aufpassen, dass ich in niemanden hinein schwimme oder jemanden meine Flosse ins Gesicht trete. Aber wir tauchen hier ja auch in einer sicheren Umgebung und nicht in einem Baggersee.

 

Cornelia Zywietz, von allen Conny genannt, gehört ebenfalls zum Team von Pits Tauchbasis. Die 40-Jährige hat 20 Jahre lang mit Maske getaucht, bevor sie eine neue Leidenschaft entdeckte: das Apnoetauchen. Gerätetauchen ermöglicht, sich unter Wasser ganz viel anzusehen, sagt sie, aber es sei auch immer mit jeder Menge Geräuschen verbunden. Conny taucht daher seit sechs Jahren auch ohne Maske, nur so lange die vorher eingeatmete Atemluft reicht, um unten zu bleiben. „Für mich ist Apnoe wie Meditation unter Wasser“, erklärt Conny. Sie coacht ihre Kunden mit der Methode des Freitauchens. Will ihnen so zu mehr Klarheit verhelfen.

Das Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit, das ich mir erhofft hatte, kommt beim ersten Tauchgang aber nicht recht auf. Ganz schön viel Equipment, um schwerelos zu sein. Vielleicht braucht man aber auch schlicht etwas mehr Übung, um locker zu werden, die Ausrüstung irgendwann zu vergessen und dann – so wie ich in Kindheitstagen – in andere Dimensionen vorzustoßen und Neues zu entdecken. Auch wenn mir dies beim ersten Mal noch nicht so recht gelungen ist, ist es eine coole Erfahrung, zu wissen, dass man mit der richtigen Ausrüstung auch im Wasser atmen kann. Als ich einer Freundin von diesem Nachmittag berichtete, sagte sie, sie habe gelesen, dass Tauchen eine Typsache sei.

Die Autorin

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