Im Sitzen schweben – KLUB DIALOG

Im Sitzen schweben

Wie transparentes Design locker macht und was es über den Zeitgeist verrät

So herrlich frei. Der Körper lehnt bequem auf luftgefüllten Kissen und die Gedanken fangen an zu fliegen. Der Alltag fällt ab und die Konventionen auch, während man sich tief in die Sitzfläche lümmelt. Körper und Geist geraten in Schwebezustand. Die 1960er Jahre waren gut darin, Designs und Objekte hervorzubringen, die Althergebrachtes durch Befreiendes und Revolutionäres ersetzten. Wie den aufblasbare Sessel „Blow“ aus transparentem PVC, entworfen 1967 vom italienischen Design-Studio DDL.

„Gerade bei diesem Sessel kann man einen Zusammenhang sehen zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und Entwicklungen im Bereich Design“, sagt Julia Bulk, Leiterin der Bremer Wilhelm Wagenfeld Stiftung. „Die Sechziger waren eine Zeit, in der man nach Auflockerung, auch von Strukturen, gesucht hat. Da passt so ein Möbelstück besonders gut rein. Man kann es aufblasen, in den Swimming-Pool werfen, wieder zusammenfalten. Da ist mit Schweben auch Leichtigkeit der politischen Verhältnisse gemeint.“

Als würde man gleich abheben: Sessel “Blow” von Donato D’Urbino, Jonathan De Pas, Paolo Lomazzi und Carla Scolari, 1967. © Studio D’Urbino, Lomazzi, De Pas, Mailand, Italien, Foto: Jürgen Hans, objektfotograf.ch

Schon der Bauhaus-Gestalter Marcel Breuer machte sich Gedanken, wie der moderne Mensch befreiter sitzen könnte. „Werden wir am Ende auf einer elastischen Luftsäule sitzen?“, fragte er sich und entwarf leichte Stühle, für die er ganz neue Materialien einsetzte. 1926 entwickelte er den ersten „Freischwinger“ aus Stahlrohr, den heute noch allgegenwärtigen „Wassily-Stuhl“.

Glas als Alltagshelfer: Julia Bulk zeigt in „Welt aus Glas“ auch Design von Wilhelm Wagenfeld. Foto: Wilhelm Wagenfeld Stiftung

Julia Bulk widmet dem leichten, dem transparenten Design ab 24. November die Ausstellung „Welt aus Glas. Transparentes Design“ im Wilhelm Wagenfeld Haus. Transparenz, so hat die Museumsleiterin festgestellt, wurde im gesamten 20. Jahrhundert überaus positiv bewertet und mit Fortschritt verbunden: „Egal welchen Science-Fiction-Film man guckt, überall spielt Transparenz eine Rolle. Das coole Sitzmöbel ist immer durchsichtig.“

Ein Vorreiter der Transparenz war Wilhelm Wagenfeld. Für Jenaer Glas entwarf er in den 1930er Jahren ein ebenso formschönes wie praktisches Geschirr, in dem man nicht nur Kochen, sondern das Essen auch gleich servieren konnte. Fortschritt alltagspraktisch gedacht, als Erleichterung der Küchenarbeit für die Hausfrau. Mit der industriellen Fertigung war Glas vom teuren Luxusmaterial zum erschwinglichen Massenprodukt geworden, das gerade die Designer der Moderne gerne für die Ausstattung einer besseren Alltagswelt nutzten.

Kunststoff machte transparentes Design noch verfügbarer. „Ein Sessel wie ‚Blow‘ wurde bewusst in Massenproduktion hergestellt, so dass ihn jeder haben und auch wieder wegwerfen konnte“, erklärt Julia Bulk. „Aus heutiger Sicht ist das natürlich ökologisch verbesserungswürdig.“ Massentauglich sollte auch der Kunststoff-Stuhl „Louis Ghost“ von Philippe Starck aus den 90er Jahren sein. Das leicht barock wirkende Möbel passt sich jeder Wohnung an – egal ob historisch eingerichtet, mit IKEA-Möbeln oder im Gelsenkirchener Barock. Die Postmoderne hielt sich alles offen, blieb in der Schwebe.

Ambivalent wirkt in der Ausstellung auch die durchsichtige Hermès-Kelly-Bag von 1997: Mit ihr konnten gute Kundinnen der Modemarke die Sicherheitsschleusen zur Pariser Modenschau passieren, wo es zuvor einen Anschlag gegeben hatte. Gut 50 Jahre früher kam Plexiglas beim Absatz eines Damenpumps zur Verwendung – als Ersatz für kriegswichtiges Material. Für Frohsinn stehen dagegen die Plastikbadelatschen, mit denen seit den 80ern zahlreiche Urlauber über steinige Strände ins Meer gelangen, oder die durchsichtige Swatch-Uhr im Spaßdesign dieser Zeit.

Freies Schweben in der Halbkugel: “Bubble Chair” von Eero Aarnio, 1967. © Eero Aarnio, Foto: Fotograf: Jürgen Hans, objektfotograf.ch
Wie auf einem Wasserstrudel: Stuhl „Liquid-Glacial“ von der Designerin Zaha Hadid aus dem Jahr 2015 © ZHD 2017, Courtesy of David Gill Gallery London

Heute wird Transparenz erstmals wieder kritisch gesehen. In Großraumbüros werden Sitzinseln mit hohen Lehnen eingerichtet, die ein Mindestmaß an Privatheit gewähren. „Gerade im Politischen wird sehr oft davon gesprochen, dass man transparente Verhältnisse herstellen will“, hat Julia Bulk bemerkt. „Es gibt eine Gegenbewegung, die fragt: Wie transparent müssen wir als Bürger sein? Gibt es eine Balance zwischen unserem Sicherheitsbedürfnis und dem Verlust von Freiheitsrechten, dadurch dass man überwacht wird?“

Bei so viel Verfügbarkeit muss Transparenz wieder exklusiv werden. Auf Zaha Hadids „Liquid Glacial Chair“ von 2015 meint man, auf einem in diesem Moment eingefrorenen Wasserstrudel Platz zu nehmen. Der Kunststoff des Stuhls wurde kunstvoll in Handarbeit gefräst und poliert. Ein dauerhaftes Schweben auf einem vergänglichen Zustand.

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